Michael Richter
Michael Richter

Lebenslauf

 

1977 wird Richter in Oberhausen geboren und wächst im Duisburger Hafenviertel Duissern, in direkter Nähe zum Innenhafen und seinen Lagerhäusern auf.

Eigene Fotografien der Industrieanlagen Duisburgs werden zu Vorlagen seiner ersten Industrieporträts.

Die sachlichen Darstellungen des Gesehenen aus seiner Schaffenszeit der 1990er Jahre stehen im Kontrast zu dem Gefühl, welches der Künstler mit seiner Heimat verbindet.

Als Arbeiterkind lernt er materiellen Verzicht, die Bedeutung von sozialen Unterschieden und die gesellschaftliche Disposition als gegeben zu betrachten.

 

Die in 16 Jahren entstandenen Arbeiten dokumentieren die Entwicklung seiner Bildsprache, von den graphischen Porträts bis zu den malerischen Ölbildern.

 

Nach seiner Gymnasialzeit in Düsseldorf, erlernte er das Handwerk des Vergolders, das einen betonten Bezug zur Malerei bot und stellte für Düsseldorfer Museen sowie für Galerien mit international arbeitenden Künstlern Rahmen und Restaurierungen her.

 

Seit 1996 sind seine Arbeiten in Gemeinschafts- und Einzelausstellungen in Meerbusch, Köln und Düsseldorf zu sehen. Seit 2003 arbeitet Richter als freischaffender Maler.

Zahlreiche Arbeiten befinden sich in Privatbesitz oder waren als Leihgabe in verschiedenen Unternehmen zu sehen.

Michael Richter lebt und arbeitet in Düsseldorf.

 

 

 

 

 

 

 

„Aus der Schildkröte sprach der heilige Geist zu mir“

 Arbeiten von Michael Richter

 

 

Michael Richter, Jahrgang 1977, wuchs im Ruhrgebiet auf und beschäftigte sich schon während seiner Schulzeit mit der Fotografie und der Zeichnung. In der Gegend zwischen Duisburg und Dinslaken gibt es zahlreiche Motive einer sich wandelnden und im Verfall begriffenen Industrielandschaft, die er in immer neuen Zusammenhängen visualisiert.

Ausgehend von ersten Zeichnungen und dem Minimalismus früherer Pixelbilder über die von der Graphik geprägte Malerei der Pop-Art rückt die malerische Komponente seiner neueren Arbeiten immer mehr in den Vordergrund. Hierbei entdeckt der Künstler die Farbe als neues Ausdrucksmittel, dass seine monochromen Arbeiten ablöst.

Ein Sujet hat sich über einen langen Zeitraum herauskristallisiert und gehört zu seinem malerischen Repertoire: Die Schildkröte. Dieses wegen seiner Langlebigkeit und Anpassungsfähigkeit zum Symbol der Unsterblichkeit gewordene Tier unterstreicht den gesellschaftskritischen Ansatz des Künstlers, sind doch viele Schildkrötenarten durch das Fortschreiten der Zivilisation verschwunden oder vom Aussterben bedroht.

In dem Bild „Mühlenberg-Waldbachschildkröte“, Öl auf Leinwand von 2010, wirkt das in der Realität sehr kleine Tier übergroß. Gegen den flächigen Hintergrund mit marmorierten Fliesen erzielt der Künstler eine räumliche Wirkung, die sich aus der Struktur des Panzers und des Schlagschattens ergibt.

Jedes Bild trägt einen sehr beziehungsreichen und oftmals poetischen Titel, der etwas über die Absicht des Malers verrät. So auch bei dem Bild „Die Heimat brennt, ich ziehe mich in die Sümpfe zurück und vergrabe mich im Schlamm“, eine Mischtechnik aus Bleistift, Buntstift, Acryl, Tusche, Schellack und Öl auf Karton von 2010. Zu sehen ist  die europäische Sumpfschildkröte, die in Deutschland nur noch in Hessen, Bayern und Ostdeutschland frei lebt. Die teils grafischen Elemente dieses Bildes schälen sich aus einem mit Rissen und Fäden durchzogenen Hintergrund heraus. Eine Technik, die der Künstler erst in der letzten Zeit anwendet.

In dem Bild „Ausländerschildkröte geht heim“ , Öl auf Leinwand von 2010, ist eine ägyptische Landschildkröte vor der bedrohlich wirkenden Kulisse des Hüttenwerks in Duisburg-Bruckhausen zu sehen. Ein Exemplar dieser Schildkröte schickte Richters Großvater während des zweiten Weltkriegs von Nordafrika, wo er stationiert war, an seine Familie nach Deutschland. Dort lebte das Tier viele Jahre im heimischen Garten, bis es eines Tages verschwand.

„Zuversicht für die nächsten 10.000 Jahre“, Acryl, Öl, Buntstifte, Schellack auf Leinwand von 2010 zeigt eine Gelbwangen Schmuckschildkröte mit der Mutter des Künstlers und einem Selbstporträt von Michael Richter. Das „Überraschungsei“ dieser Collage erinnert an die Fruchtbarkeit des Tieres.

Eher abstrakt wirkt die Arbeit „Inmitten der Heimat eine Kathedrale aus Stahl und Beton, hier wohnt Gott der Leibhaftige“, Öl auf Hartfaser von 2010. Hier werden die Formen auf das Wesentliche reduziert und scheinen wie hinter einem Schleier verborgen.

Das Bild „Tor 3 führt dich in ein Himmelreich, hier erblickst du Berge aus Sheabutter und Flüsse aus goldenem Rapsöl“, Öl und Acryl auf Leinwand von 2010, zeigt eine Industrieanlage in Neuss. Der symmetrisch angeordnete Bildaufbau und die schillernde Farbigkeit idealisiert die Raffinerie zu einer Traumfabrik.

Eine kosmische Dimension hat das Bild „Warten auf das schwarze Loch“, Öl auf Leinwand von 2010. Dieses Bild ist ein aktueller Beitrag für die Ausstellung in der HWL-Galerie und zeigt eine Rotwangen-Schmuckschildkröte auf der Mondoberfläche mit dem Blick zur Erde.

In einem groß angelegten Diptychon mit zweimal neun Porträts, jeweils 22x32 cm, stellt Michael Richter historisch relevanten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte die Konterfeis von verschiedenen Schildkröten gegenüber. Die monochrom gehaltenen Gesichter aus fotografischen Vorlagen erhalten eine schillerndes Gegenüber. Das Reptil wird zur Ikone und fordert den Betrachter zu einer ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen auf.

 

Klaus-Peter Pfeifer

HWL Galerie

 

 

 

 

 

 

 

" Und der Herr schuf ein Tier

welches geschaffen war um zehn Plagen zu überstehen "

Neue Arbeiten von Michael Richter

 

 

I.

Etwa 100 Kilometer vor Rom liegt das eher unbedeutende Örtchen Bomarzo. Orvieto im Norden, mit seinem Dom und den wunderbaren Fresken von Luca Signorelli, ist rund 40 Kilometer entfernt. Viterbo, etwas westlich, die Stadt der Päpste, liegt um die Hälfte näher. In Bomarzo gibt es eine Kathedrale (Santa Maria Assunta) und einen Palazzo, der einst einem Zweig der berühmten römischen Adelsfamilie der Orsini gehörte. Ringsum wird vor allem Landwirtschaft betrieben. Wein, Olivenöl. Viel los ist hier nicht. Gäbe es da nicht den Sacro Bosco, den Heiligen Wald, auch bekannt als Parco dei Mostri, also Park der Ungeheuer. Angelegt hat ihn im 16. Jahrhundert Pier Francesco Orsini, letzter Feudalherr von Bomarzo, in Gedenken an seine Frau Giulia. Auf diesem scheinbar aus der Welt gefallenen, verwunschenen Fleckchen Erde verstecken sich inmitten von sanften Hügeln und reichlich Wald rund zwei Dutzend eigenartige, skurrile, teils groteske, teils grausige Skulpturen. – Es ist nicht eindeutig geklärt, warum es den Park gibt und was uns die Figuren im Einzelnen wie das gesamte Ensembles sagen sollen/wollen. Aber das ist im Grunde auch gar nicht wichtig. Zu viel würde den Zauber zerstören, der von diesem Ort ausgeht. Zu viel Wissen nähme uns die Fantasie, wenn wir etwa darüber nachdächten, warum La tartaruga, die Schildkröte, auf ihrem Panzer eine Frau trägt, die einer Siegesgöttin gleicht mit ihrem wehenden Gewand und wie sie dort auf dem Säulenstumpf und der Kugel steht, stolz den Kopf erhoben.

 

II.

Warum ich mit diesem Ausflug beginne. Michael Richter hat eine Reihe von Bildern gemalt, auf denen Schildkröten in sehr unterschiedlichen, teils realistischen, teils surrealistischen Situationen und Zusammenhängen zu entdecken sind. Wir Betrachter könnten nun sofort das Warum hinterfragen. – Mir hat Michael Richter beispielsweise erzählt, dass die Schildkröte eine der am meisten gefährdeten Spezies überhaupt ist. Ich wusste das nicht. Aber, das muss ich zugegeben, mir ist dieses Tier auch sehr, sehr fern. – Oder wir näherten uns jenen Bildern über die Ikonographie, versuchten also zu deuten, was es auf sich hat mit diesem Motiv, bloß um dann herauszufinden, die Schildkröte ist ein „Tiersymbol mit ausgeprägter Ambivalenz. Das frühe Christentum übernahm es mit negativen Bedeutungen (Sünde, Häresie, Trägheit). In der Renaissance lebten positive Symboldeutungen der Antike wieder auf (Unsterblichkeit, Keuschheit, Bedachtsamkeit, Geduld)“.  Egal welchen Weg wir gingen. Am Ende wäre das Ergebnis immer dasselbe: Wir beraubten uns selber der Fantasie, die ein gemaltes Bild nun einmal zuvorderst in der Lage ist, in uns zu evozieren. Kunstbetrachtung ist keine Wissenschaft, es ist eine Leidenschaft. Sie sollte es zumindest sein. – Diese Einstellung widerspricht übrigens ganz und gar nicht dem Anliegen des Künstlers, dem der Artenschutz insbesondere der Testudinata, wie ihr wissenschaftlicher Name lautet, besonders wichtig ist. Denn Michael Richter ist beileibe kein Plakatmaler! Seine Bilder überzeugen nicht zuvorderst als Appell, sondern als Malerei.

 

III.

Über sich selbst sagt Michael Richter: „Ich bin schon ein gegenständlicher Maler, früher war ich auch ein Fan von Dadaismus und Surrealismus“. Und heute? Ich bin der Auffassung, heute ist das eine vom andern gar nicht mehr zu trennen. Richter ist ein gegenständlicher Surrealist mit dadaistischer Erzählhaltung. Bezogen auf den einzelnen Bildgegenstand, die Figur, das Tier, die Architektur, das Objekt, übt Michael Richter eine beinahe sachlich distanzierte Gegenständlichkeit aus. Die Manier seiner Malerei ist nicht detailverliebt aber genau. Sie ist nicht überzeichnend aber sehr zugespitzt. Sie ist nicht fotografisch-dokumentarisch aber für jeden leicht zu identifizieren. Die Kompositionen indes, also das Zusammenspiel und Arrangement der einzelnen Elemente ist auf eine wache, leichthin gewagte Weise narrativ dadaistisch: Die Erzählebenen überlagern sich nicht nur zeitlich, sondern selbstverständlich auch inhaltlich. Wobei das nicht nur für die im Bild tatsächlich sichtbaren Ebenen gilt, sondern auch für die im Kontext liegenden Informationen. – Viele der Elemente besitzen schließlich eine Bedeutung außerhalb des eigentlichen Bildzusammenhangs. Die wird von Michael Richter keineswegs negiert. Ganz im Gegenteil. Die Bilder aus den letzten Jahren zeigen das sehr

 

IV.

Im Gegensatz zu früheren Arbeiten tritt das Moment des Malerischen in den aktuellen Bildern absolut in den Vordergrund. Weiche Übergänge. Ein Spiel von Licht und Schatten. Das hat nicht nur aber doch auch etwas mit dem Material zu tun. Heute nutzt Michael Richter Öl, früher waren es oft Acryl. Der Umgang mit Ölfarbe ist ein viel weicherer. Sie trocknet anders, langsamer – durch das Verhängen mit feuchten Tüchern lässt sich dieser Vorgang sogar noch weiter verlängern. Auch die Farbe selbst, die Masse lässt sich ganz anders auftragen. Die zuvor in seinen Bildern so bedeutsame grafische Auffassung, die Konturenschärfe und auch die Flächigkeit sind beinahe völlig verschwunden. Farbfelder, so sie denn auftreten, besitzen nun eine viel stärkere Differenziertheit und Binnenzeichnung. – Seit einiger Zeit auch kratzt Michael Richter aus größeren Farbflächen mit einem Spachtel das Material wieder heraus. Es entstehen krakeleeartige Zeichnungen, durch den Raum mäandernde Linien, die an Spuren oder Fährten erinnern, oder auch an Wege oder vielleicht sogar Blutbahnen. Diese Spuren bewirken zweierlei. Zum einen illuminieren sie die Motive und Bildgegenstände, um die sie sich herumbewegen – die schmalen, meist zarten Gräben reichen oft bis auf hellste Farbschichten hinab, oder die Farbräume sind entsprechend ins Dunkle ufernd angelegt. Andererseits verstärken sie – zumindest für mich – den Eindruck, als handele es sich im betreffenden Fall bei aller gegenständlichen Manier eben doch nicht um ein realistisches Werk, sondern um eine unwirkliche, traumbewährte Erfindung, entsprungen aus der Fantasie eines Künstlers.

 

V.

Dies ist eine Kunstausstellung. Lassen wir am Ende einmal außen vor, dass es unglaublich viel Geld für den Artenschutz so genannter „systemischer Banken“ gibt, dass andere Bereiche die es zumindest genauso nötig hätten, im Vergleich mit Nichts auskommen müssen. Gehen wir noch einmal von dem aus, was wir sehen – nicht davon, was wir zu wissen glauben oder auf Nachfrage oder im Selbststudium hin erfahren. Was also sehen wir dann? Bilder von eindringlicher, teils verstörender Realität – Surrealität. Bilder mit reichlich Kraft, voller Fantasie und gar nicht so absurder Geschichten. Bilder, deren malerische Mittel hervorragend sind. – Wenn wir uns darin einig sind, dann lassen Sie uns jetzt über die Verteilung der Mittel diskutieren.

 

 

Stefan Skowron, Aachen, im Oktober 2012

 

 

 

 

 

 

 

Einführung in die Arbeit des Malers Michael Richter

Industrieporträts des Ruhrgebiets

 

 

Über den Künstler und seine „Heimat“

Oder: „Wozu überhaupt ein Heimatgefühl haben?“ (Zitat Michael Richter)

 

Ein Gebilde aus Stahl und Beton thront beherrschend am Ufer des Rheins. Die Auftragsarbeit aus dem Jahr 2009, mit dem Titel „Zwischen Kohle und Stahl geboren, bin ich in der Heimat doch nicht zu Haus“ zeigt eine Thyssen-Krupp Anlage in

Duisburg-Bruckhausen.

 

Das Bild, ein Denkmal, dokumentiert durch die Typografie das Verhältnis des Malers Michael Richter zu seiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Formal als Heimat zu verstehen, liegt die emotionale Beziehung, das sich nicht heimisch fühlen können, in der Biografie des Künstlers und des Ruhrgebiets begründet:

Die Großeltern väterlicherseits ziehen 1955 aus dem sächsischen Ostdeutschland erst nach Westberlin und 1960 dann nach Duisburg.

Großvater  und Vater beginnen  in der Stahlindustrie des Ruhrgebiets zu arbeiten.

 

1977 wird Richter in Oberhausen geboren und wächst im Arbeitermilieu von Duisburg und Dinslaken auf. Zu Grundschulzeiten wohnte er im Hafenviertel Duissern, in direkter Nähe zum Innenhafen und seinen Lagerhäusern.

 

Als Jugendlicher erkundet er die Gegend mit Fahrrad und Kamera. Fotografien der Industrieanlagen Duisburgs oder dem auf der westlichen Rheinseite gelegenen Krefeld-Uerdingen, werden zu Vorlagen seiner ersten graphischen Industrieporträts. Fasziniert von der Landschaft sowie Städte zerstückelnden Industriearchitektur und dem Leben darin, hält er seine Heimat erst in graphischen Acrylbildern, später in malerischen Ölgemälden fest.

Die sachlichen Darstellungen des Gesehenen stehen im Kontrast zu dem Gefühl, welches der Künstler mit seiner Heimat verbindet.

 

Als Arbeiterkind lernt er materiellen Verzicht, die Bedeutung von sozialen Unterschieden und die gesellschaftliche Disposition als gegeben zu betrachten.

Heute sind die Werke Denkmäler einer endenden Epoche. Abrissbirne oder Industriekultur: Die einen transformieren zum Kulturstandort, die anderen rosten, zerfallen und verschwinden.

 

Naherholungsgebiete und Museen entstehen wo früher keine Luft zum Atmen war.  Neue Nutzungskonzepte sollen überlebensfähig machen, wo wegbrechende Lebensgrundlagen ganze Gegenden leerfegen.

 

Andere Stadtteile haben sich gewandelt und es „geschafft“. Sind, so wie Duissern, wo Richter aufgewachsen ist, mit hohen Mieten zu Standorten sogenannten modernen urbanen Lebens geworden.

 

Es sind diese Verhältnisse und Veränderungen, die Richters Entfremdung nähren und die in dem Satz: „Zwischen Kohle und Stahl geboren, bin ich in der Heimat doch nicht zu Haus“ Ausdruck finden. 

 

Auch das Werk „Ausländerschildkröte, geh' t Heim“ verdichtet Richters familiäre Herkunft, seine Lebenswelt als Kind und Heranwachsender mit einem Stück deutscher Geschichte.

Die Arbeit eröffnet eine weitere Industriekulisse. Wieder sind ThyssenKrupp Hüttenwerke in Duisburg-Bruckhausen zu sehen, dem Stadtteil Duisburgs, wo Vater und Großvater für Thyssen nach ihrer Übersiedlung aus Ostdeutschland arbeiteten. Bei der Schildkröte im Vordergrund handelt es sich um eine "Ägyptische Landschildkröte" , sie findet sich in Gebieten Nordafrikas.

Richters Großvater war die meiste Zeit während des zweiten Weltkrieges in Nordafrika stationiert, wo die Deutschen gegen die Briten um Erdölquellen kämpften. Er begegnete dort einem Händler, der Schildkröten anbot, kaufte eine und schickte sie zusammen mit etwas Salat als Wegzehrung an seine Familie in Deutschland. Sie kam tatsächlich lebend an und wurde von da an über Jahre im heimischen Garten gehalten, bis sie eines Tages verschwand.

 

 

Abbildungen von Industrieanlagen ziehen sich durch das gesamte Werk Richters. Sie finden sich in verschiedenen Formen als wiederkehrendes Motiv in den drei vom Maler zusammengefassten Kapiteln:

„In schizotypal love“ (1994 – 1997), „Eine Stimme sagt mir was Du denkst“ (2004 – 2006) und „Blumen wachsen in der Hölle“ (2007 – 2009).

 

Dieser Katalog zeigt einen Ausschnitt: beginnend mit Werken aus den frühen 90er Jahre bis zum Staus Quo.  

 

Die in 16 Jahren entstandenen Arbeiten zum Thema Industrie dokumentieren auch die Entwicklung seiner Bildsprache, von graphisch gearbeiteten Porträts bis zu den malerisch, fließenden Ölbildern.

 

Lena Lenz

Kulturwissenschaftlerin

 

 

 

 

 

Einführung zur Ausstellung im Deutschen Werkbund

 

....Nach der Entdecker-Generation ist der junge Michael Richter ein Maler der nachkommenden  Generation. Die Bilder zeigen, dass die Faszination der Industrie-Kultur kein vergängliches Rauchzeichen ist, sondern durch die Zeiten weiter wirkt.

Der Ort mit seinen Diskussionen hat Teil an der „kulturellen Metropole Ruhr“ - als einer „Werk-Stätte“,  in der es sowohl um Bleibendes geht wie um das experimentierende Gestalten des Wandels in der Industrie-Epoche. Die Nachdenklichen spüren, dass wir uns mitten drin befinden...

 

 Professor Dr. Roland Günter

Autor

Vorsitzender Deutscher Werkbund NW

 

 

 

 

„Aus der Schildkröte sprach der heilige Geist zu mir“

Neue Arbeiten von Michael Richter

 

 

Michael Richter, Jahrgang 1977, wuchs im Ruhrgebiet auf und beschäftigte sich schon während seiner Schulzeit mit der Fotografie und der Zeichnung. In der Gegend zwischen Duisburg und Dinslaken gibt es zahlreiche Motive einer sich wandelnden und im Verfall begriffenen Industrielandschaft, die er in immer neuen Zusammenhängen visualisiert.

Ausgehend von ersten Zeichnungen und dem Minimalismus früherer Pixelbilder über die von der Graphik geprägte Malerei der Pop-Art rückt die malerische Komponente seiner neueren Arbeiten immer mehr in den Vordergrund. Hierbei entdeckt der Künstler die Farbe als neues Ausdrucksmittel, dass seine monochromen Arbeiten ablöst.

 

Ein Sujet hat sich über einen langen Zeitraum herauskristallisiert und gehört zu seinem malerischen Repertoire: Die Schildkröte. Dieses wegen seiner Langlebigkeit und Anpassungsfähigkeit zum Symbol der Unsterblichkeit gewordene Tier unterstreicht den gesellschaftskritischen Ansatz des Künstlers, sind doch viele Schildkrötenarten durch das Fortschreiten der Zivilisation verschwunden oder vom Aussterben bedroht.

 

In dem Bild „Mühlenberg-Waldbachschildkröte“, Öl auf Leinwand von 2010, wirkt das in der Realität sehr kleine Tier übergroß. Gegen den flächigen Hintergrund mit marmorierten Fliesen erzielt der Künstler eine räumliche Wirkung, die sich aus der Struktur des Panzers und des Schlagschattens ergibt.

 

Jedes Bild trägt einen sehr beziehungsreichen und oftmals poetischen Titel, der etwas über die Absicht des Malers verrät. So auch bei dem Bild „Die Heimat brennt, ich ziehe mich in die Sümpfe zurück und vergrabe mich im Schlamm“, eine Mischtechnik aus Bleistift, Buntstift, Acryl, Tusche, Schellack und Öl auf Karton von 2010.

 

Zu sehen ist  die europäische Sumpfschildkröte, die in Deutschland nur noch in Hessen, Bayern und Ostdeutschland frei lebt. Die teils grafischen Elemente dieses Bildes schälen sich aus einem mit Rissen und Fäden durchzogenen Hintergrund heraus. Eine Technik, die der Künstler erst in der letzten Zeit anwendet.

 

In dem Bild „Ausländerschildkröte geht heim“ , Öl auf Leinwand von 2010, ist eine ägyptische Landschildkröte vor der bedrohlich wirkenden Kulisse des Hüttenwerks in Duisburg-Bruckhausen zu sehen.

Ein Exemplar dieser Schildkröte schickte Richters Großvater während des zweiten Weltkriegs von Nordafrika, wo er stationiert war, an seine Familie nach Deutschland. Dort lebte das Tier viele Jahre im heimischen Garten, bis es eines Tages verschwand.

 

„Zuversicht für die nächsten 10.000 Jahre“, Acryl, Öl, Buntstifte, Schellack auf Leinwand von 2010 zeigt eine Gelbwangen Schmuckschildkröte mit der Mutter des Künstlers und einem Selbstporträt von Michael Richter. Das „Überraschungsei“ dieser Collage erinnert an die Fruchtbarkeit des Tieres.

 

Eher abstrakt wirkt die Arbeit „Inmitten der Heimat eine Kathedrale aus Stahl und Beton, hier wohnt Gott der Leibhaftige“, Öl auf Hartfaser von 2010. Hier werden die Formen auf das Wesentliche reduziert und scheinen wie hinter einem Schleier verborgen.

Das Bild „Tor 3 führt dich in ein Himmelreich, hier erblickst du Berge aus Sheabutter und Flüsse aus goldenem Rapsöl“, Öl und Acryl auf Leinwand von 2010, zeigt eine Industrieanlage in Neuss. Der symmetrisch angeordnete Bildaufbau und die schillernde Farbigkeit idealisiert die Raffinerie zu einer Traumfabrik.

 

Eine kosmische Dimension hat das Bild „Warten auf das schwarze Loch“, Öl auf Leinwand von 2011. Dieses Bild ist ein aktueller Beitrag für die Ausstellung in der HWL-Galerie und zeigt eine Rotwangen-Schmuckschildkröte auf der Mondoberfläche mit dem Blick zur Erde.

 

In einem groß angelegten Diptychon mit zweimal neun Porträts, jeweils 22x32 cm, stellt Michael Richter historisch relevanten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte die Konterfeis von verschiedenen Schildkröten gegenüber.

Die monochrom gehaltenen Gesichter aus fotografischen Vorlagen erhalten eine schillerndes Gegenüber. Das Reptil wird zur Ikone und fordert den Betrachter zu einer ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit dem Gesehenen auf.

 

 

Klaus-Peter Pfeifer

HWL Galerie

 

 

 

 

 

Einführung in die Arbeit des Malers Michael Richter

 

In Schizotypal Love 1

1994-1997

 

Richters Bilder provozieren auf den ersten Blick durch ihren sexuellen Inhalt, denn diese überwiegend im Jahr 1997 entstandenen Arbeiten zeigen eindeutige Darstellungen. Auf der Suche nach Bildlösungen im fotorealistischen Genre entschied er sich für die Wiedergabe pornographischer Szenen, die jedoch durch gemalte Pixel nicht nur eine grafische Bildsprache entwickeln, sondern teilweise auch pikante Details verfremden oder verschwinden lassen. Dadurch gelingt es dem Künstler, einen Bogen zur medialen (TV)-Welt zu spannen und – trotz des ausschließlichen Einsatzes von Farbe und Pinsel - den Eindruck einer digitalen Bildauflösung zu schaffen.

In seinen Arbeiten entsteht ein scheinbarer Widerspruch von Raum und Fläche, der sich bei genauerer Betrachtung allerdings auflöst, da kleine Flächen großen gegenüberstehen: Obwohl er in seiner Kunst auf formale Perspektiven verzichtet, vermittelt die von ihm angewandte Pixelung eine Tiefe, die beim Auge des Betrachters die Illusion eines Raumes entstehen lässt.

 

Katja Vaders

Autorin

 

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